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  10. Dezember 2006
Meine Geschichten
Sommergewitter
Seine Augen
Die knallgelbe Badehose
Brombeeren mit Schlagsahne
Von Liebe reden wir später
Fünf rote Rosen
Rising soul
Herrmann
Endstation
Die Malerin
Das Glück der späten Jahre
Unterwegs zu dir

Eine Kindheit im zweiten Weltkrieg - Autobiographie
Sommergewitter

Der Getränkeautomat streikt wieder einmal. Roman bearbeitet ihn kräftig mit den Fäusten. Eine Getränkedose landet schließlich mit Gepolter im Ausgabefach. Als er sich umdreht, sieht er mich.

Ich mag diesen jungen Mann, dem ich seit einigen Wochen in regelmäßigen Abständen begegne. Das Gelände der Universität ist weitverzweigt, die Hörsäle auf unterschiedlichen Etagen verstreut. Es ist schon fast ein Wunder, dass Roman nun mit einer Dose Coca Cola vor mir steht und mich anlacht.

Heute ist einer dieser unerträglich heißen Tage, an denen die Kleider am Leib kleben und man drei mal unter der kalten Dusche steht. Im Hörsaal dämmerten die Studenten dahin, während der Dozent lustlos sein Pensum absolvierte. Ich hatte große Mühe der bleiernen Müdigkeit Herr zu werden, die mich ohne Gnade zu überfallen drohte.
Jetzt, wo ich zuschaue, wie Roman die Dose schlürfend an seinen Mund hält, werde ich allerdings wieder munter.
"Roman, was machst du heute Nachmittag?" frage ich, bemüht recht harmlos zu klingen.
Roman wischt sich die Feuchtigkeit mit dem Handrücken ab und diesen dann an seinen Bermudas Jeans.
"Hab mir darüber noch keine Gedanken gemacht." sagt er.
Dabei sehe ich diesen winzigen, klitzekleinen Funken in seinen Augen blitzen. Ich rapple meine letzten Reserven von Energie zusammen und wage den direkten Angriff.
"Schwimmen gehen, wäre schön. Oder nicht ?"
Mein süßestes Lächeln verströmend hoffe ich, dass er anbeißt.
Roman erwidert nicht gleich etwas. Er scheint nachzudenken.
"Warum nicht?"
Jetzt bewegt er sich einen Schritt auf mich zu. Ja warum nicht, das frage ich mich auch.
"Du meinst wir beide?"
Mein Herz schlägt etwas schneller. Nervös streiche ich eine vorwitzige Locke aus der Stirn.
"Ja, Roman, so hab ich mir das vorgestellt. Du kannst doch schwimmen?"
Jetzt lacht er. "Natürlich nicht, Amelie, so heißt du doch? Ich denke, du wirst mich retten."
Gemeinsam schlendern wir zum Parkplatz. Roman zu seinem Motorrad, ich zu meinem Mini.
"Also dann um drei im Waldschwimmbad !"

Die zwei Stunden die dazwischen liegen verbringe ich in einer Boutique, um mir einen Bikini zu kaufen, in einer Eisdiele, und schließlich fahre ich zu meiner Studentenbude, um Handtücher, Getränke und Sonnenmilch einzupacken.
Als ich, genau um fünf Minuten nach drei Uhr mit meinem roten Mini auf dem Parkplatz des Waldschwimmbades ankomme, sehe ich ihn schon stehen. Roman läuft mir entgegen und zeigt mir eine freie Parknische. Er begrüßt mich mit einer leichten Umarmung. In dem weißen T-Shirt und den nackten Füßen in den Sandalen sieht er einfach zum Knuddeln aus. Der Fahrtwind hat sein Haar zerzaust, zu gerne würde ich mit zehn Fingern hineinfahren.
Roman schultert eine große Badetasche und klemmt sich die karierte Wolldecke unter den Arm.

Das Geschrei der Badegäste weist uns den sicheren Weg zum Eingang. Im Schwimmbecken tummeln sich Hunderte von Menschen. Aus dem Wasser steigt Chlorgeruch, der sich mit Sonnenmilch vermischt. Wir steigen über Decken, Beine und Kinderspielzeug, bis wir ganz hinten am Zaun einen freien Platz unter den Bäumen finden.
"Hier ist es schön!" erklärt Roman und breitet die Decke aus.
Er kniet sich hin und zieht sein T-Shirt aus.
"Mach schnell, Amelie!"
Etwas umständlich versuche ich unter meinem hellen Sommerkleid in den Bikini zu schlüpfen. Ich weiß, dass er mir gut steht, zu meiner braunen Haut. Als ich es endlich geschafft habe, lege ich mich bäuchlings neben Roman. Lange liegen wir regungslos nebeneinander.
"Du bist süß, Amelie", flüstert er in mein Ohr.
Ich drehe mich ihm zu und lächle. Sein Gesicht ist jetzt so nah, dass ich seinen warmen Atem an meinem Hals fühlen kann. Roman schaut mir tief in die Augen. Als er meine Hand berührt durchzuckt es mich wie ein Blitz. Er hat einen schönen, sinnlichen Mund.
Wir liegen auf der Decke, mitten unter all den Menschen und plötzlich habe ich den Wunsch, diesen Mund zu küssen. Roman betrachtet mich ernst. Bemerkt er das leise Zittern meiner Lippen?
Sachte zeichnet er mit seinem Zeigefinger die Konturen meine Mundes nach. Lässt ihn über meinen Hals hinunter gleiten zu dem kleinen Grübchen, in dem sein Finger Kreise zieht.
Roman flüstert meinen Namen, als sei er in seinen Klang verliebt. Unsere Körper drängen sich aneinander. Wir fangen an, uns zu küssen, falls man so leicht gehauchte Berührungen als Küsse bezeichnen kann.
Längst hat sich der Himmel über uns verdunkelt, ohne dass wir es merkten. Innerhalb weniger Minuten verändert sich die Situation schlagartig. Eine tiefschwarze Wetterwand zieht am Horizont auf. Das Grollen eines nahenden Gewitters vertreibt die letzten Badegäste. Plötzlich sind wir ganz alleine auf der Wiese, ganz hinten am Zaun.
Als seine Hand mich berührt, durchfährt es meinen Körper wie die Entladung der Elektrizität am Himmel.
Ich schließe die Arme eng um ihn und genieße die Wärme und Festigkeit seines Körpers. Ein heftiger Windstoß fährt über unsere Haut. Ich spüre den Funken der Wollust in mir aufsteigen. Unsere Lippen verschmelzen miteinander. Unser Atem geht heftig. Nach Luft ringend öffne ich die Augen. Er schaut mich an und lächelt.
Wir raffen unsere Sachen zusammen und fangen zu rennen an. In meinem Mini finden wir Schutz vor dem heftigen Regen, der sich über der Stadt entlädt.