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  10. Dezember 2006
Meine Geschichten
Sommergewitter
Seine Augen
Die knallgelbe Badehose
Brombeeren mit Schlagsahne
Von Liebe reden wir später
Fünf rote Rosen
Rising soul
Herrmann
Endstation
Die Malerin
Das Glück der späten Jahre
Unterwegs zu dir

Eine Kindheit im zweiten Weltkrieg - Autobiographie
Brombeeren mit Schlagsahne

Es war ein Morgen wie aus dem Bilderbuch. Gregor stand um sieben Uhr auf, zog sich ein Paar Turnschuhe an und verließ das Haus. Ziemlich schnell rannte er eine weite Strecke am Meer entlang. Die Sonne stieg immer höher, bald war er schweißgebadet. Er verlangsamte das Tempo. Schließlich schlenderte er zurück. Schon wollte er das Gartentor öffnen, als er die junge Frau entdeckte, die sich an seinen Brombeersträuchern zu schaffen machte.

"Hallo!", rief er gutgelaunt und ging ein paar Schritte auf sie zu.
"Verzeihung", stammelte die Ertappte und als er sah, dass sie hübsch war lud er sie ein, so viele von den Beeren zu pflücken, wie sie wollte.
Der Frau war es sichtlich peinlich. "Danke schön, ich wollte Schwimmen gehen", rief sie ihm zu und rannte auf dem schmalen Weg davon, der durch den Wald zum Strand führte. Gregor schaute ihr lange nach und als sie sich einmal umdrehte, winkte er.
Auch nachdem er ausgiebig geduscht und gefrühstückt hatte, ging ihm die Begegnung mit der Fremden nicht aus dem Kopf. Er hatte sie noch nie gesehen, er hätte sich an sie erinnert. Sie war ziemlich groß und schlank. Ihre dunklen Haare trug sie zurückgekämmt, mit einer Spange gehalten. Ihre Augen waren sehr hell, das war ihm aufgefallen. Am Nachmittag hielt er sich an der hinteren Pforte des Gartens auf. Er wusste, hier musste sie vorbeikommen, wollte sie ins Dorf zurück.

Nach langer Zeit tauchte in der Ferne ihr blaues Kleid auf. Vor Freude rieb er sich die Hände.
"Da sind Sie ja!", rief er ihr zu.
Sie schien überrascht. "Stehe ich schon wieder vor Ihrem Haus?"
Er lachte. "Ich habe auf Sie gewartet."
"Sie haben auf mich gewartet?"
"Wollen Sie nicht hereinkommen? Ich serviere Ihnen Brombeeren mit Schlagsahne."
"Das klingt ja verlockend. Da kann ich kaum nein sagen."
"Ich heiße Gregor. Herzlich Willkommen!"
"Lilie ist mein Name", sagte sie und folgte ihm zögernd auf dem ausgetretenen Weg durch den Garten zu der Terrasse hinterm Haus.
Gregor rückte die Stühle zurecht, bat sie unter dem Sonnenschirm Platz zu nehmen und verschwand in der Küche.
Schon bald stellte er zwei Teller mit Beeren und Sahne auf den Tisch. Die Früchte schmeckten saftig und süß, nach Sommer und Sonne.
Während sich Lilie mit dem Obstteller beschäftigte, fiel ihr Blick auf Gregors Hände. Er hatte schöne, feingliedrige Hände, ungewöhnlich für einen Mann. Welchem Beruf er wohl nachging?
"Lilie?" Gregors Stimme brachte sie in die Gegenwart zurück.
Sie konnte nicht verhindern, dass sie rot wurde.
Bald erfuhr sie, dass Gregor Pianist war, in London lebte und die Sommermonate in diesem Haus am Meer verbrachte. Als er etwas über ihr Leben erfahren wollte, wich sie geschickt aus. Später fragte sie nach der Toilette, wanderte ein wenig durchs Haus und bestaunte den sichtbaren Reichtum.
"Darf ich Ihnen einen Kaffee anbieten?"
"Das wäre nett. Ich muß wach bleiben, mein Zug fährt heute Nacht."
"Sie wollen abreisen?"
"Ja, leider." Sie lächelte.
"Wirklich schade. Wo wollen Sie denn hinfahren?"
"Nach Berlin."
Seine Neugierde war geweckt, doch er wollte nicht unhöflich sein und unterdrückte seine Fragen.
Lilie faszinierte ihn mit ihrem Charme und dem Interesse, das sie ihm entgegenbrachte.
Lange hatte er keine Frau mehr kennengelernt, zu der er sich so stark hingezogen fühlte. Er mußte sie unbedingt wieder sehen. Doch er wußte nur ihren Vornamen.
Als sie gegangen war, trug er die Teller in die Küche zurück. Dann stieg er die Treppe zu seinem Schlafzimmer hoch und stutzte. Die Platin Uhr war weg. Er war sich ganz sicher, er hatte sie vor dem Duschen auf dem Nachttisch abgelegt. Eine Diebin. Er hatte sich eine Diebin ins Haus geholt. Für einen Moment hielt er die Luft an.
Gregor fühlte das Pochen in seinen Schläfen. Wut stieg in ihm hoch. Wie konnte er so dumm gewesen sein. Lilie? Ob es ihr richtiger Name war? Und wenn schon. Er mußte seine kostbare Uhr zurück haben.

Lilie wollte zum Bahnhof. Wenn er sich beeilte, konnte er sie einholen.
Als Gregor am Bahnhof eintraf, zögerte er nicht lange und folgte den Reisenden die Treppe hoch zu den Gleisen. Hastig schaute er sich um. Lilie! Da stand sie! Auf dem anderen Bahnsteig stand Lilie. Sie hatte ihn gesehen, fröhlich winkte sie ihm zu. Gregor nahm seine Beine in die Hand, stürmte die Treppe hinunter und die nächste hoch. Als er atemlos die oberste Stufe erreicht hatte, war der Zug eingefahren und Lilie verschwunden. Aufgeregt rannte er an den Waggons entlang, spähte durch die Fenster und konnte sie nicht finden. Mist! fluchte er.
Als sich der Zug in Bewegung setzte, tropfte Schweiß von seiner Stirn. Lange blieb er stehen und schaute den Schlußlichtern nach, die sich immer schneller entfernten.

Enttäuscht und verärgert fuhr Gregor spät in der Nacht zu seinem Haus zurück. Wie konnte er sich so täuschen lassen? Wer war diese Frau? Tausend Fragen schossen ihm gleichzeitig durch den Kopf. Bevor er zu Bett ging, schenkte er sich einen Cognac ein und schüttete ihn in einem Zug hinunter. Lilie, sie war so nett. Schade. Gregor fühlte sich müde und schlecht. Langsam stieg er die Treppe hoch. Im Badezimmer brannte noch Licht. Er hielt seinen erhitzten Kopf unter den Wasserstrahl um ihn zu kühlen, als er sich aufrichtete traute er seinen Augen nicht. Vor ihm, auf der Ablage lag die Uhr.