Startseite Geschichten Kontakt
  10. Dezember 2006
Meine Geschichten
Sommergewitter
Seine Augen
Die knallgelbe Badehose
Brombeeren mit Schlagsahnea
Von Liebe reden wir später
Fünf rote Rosen
Rising soul
Herrmann
Endstation
Die Malerin
Das Glück der späten Jahre
Unterwegs zu dir

Eine Kindheit im zweiten Weltkrieg - Autobiographie
Fünf rote Rosen

Die Vorhänge sind jetzt zugezogen, der Tisch gedeckt, kleine Lampen tauchen den Raum in ein stimmungsvolles Licht. Hilla faltet zwei Servietten aus weißem Stoff und legt sie auf zwei Teller aus schimmerndem Porzellan. Sie zupft an einem Sträußchen von gelben Rosen, rückt die Gläser zurecht und lauscht auf Geräusche, die von der Straße in die Wohnung dringen. Der Zeiger der Uhr wandert weiter. Um zehn vor sechs schlüpft sie in hohe Pumps, kontrolliert das Essen auf dem Herd in der Küche und betrachtet sich immer wieder kritisch in einem großen Spiegel, der golden gerahmt in der Diele hängt.
Hilla trägt ein schlichtes schwarzes Kleid, das ihrer schlanken Figur schmeichelt. Dunkle Haare umspielen ihren kleinen Kopf, die leicht schrägstehenden, katzenartigen Augen sind von einem Kranz seidiger Wimpern umrahmt und verleihen ihrem Gesicht eine geheimnisvolle Note. Hilla bewegt sich anmutig zwischen Küche und Wohnzimmer, gelegentlich wirft sie einen Blick auf den Zeiger der Uhr, der die volle Stunde erreicht hat.
Draußen auf dem Kies hört sie Schritte. Hilla eilt zur Tür, um sie zu öffnen.
"Hallo Liebling", sagt sie.
Der Mann ist hochgewachsen, dunkelhaarig, mit einem sinnlichen Mund, den er jetzt zu einem Lächeln formt. Er scheint so viel älter als die junge Frau zu sein, die ihm die Arme um den Hals legt und einen Kuss auf die Lippen drückt.
"Hallo mein Schatz", antwortet er. "Alles Liebe zu unserem Jahrestag!" Hinter seinem Rücken raschelt es. "Für dich, meine Schöne!"
Weiße Margeriten, gebunden zu einem Strauß mit fünf roten Rosen drückt er Hilla in die Arme.
"Danke Rolf, vielen, vielen Dank. Rote Rosen, für jedes Jahr eine. Wie schön!" Eine leichte Röte überzieht Hillas Wangen.
"Ja, vor fünf Jahren habe ich dich getroffen, Liebes, es sollen noch viele Jahre folgen."
Er zieht sie in seine Arme. "Du duftest verführerisch!"
Hilla lacht und windet sich aus seiner Umklammerung. "Ich habe gekocht."
"Ich rieche es. Lecker! Lange kann ich aber nicht bleiben." Seine Hände ruhen auf ihrem Po, auf jeder Backe eine.
"Komm doch erst einmal rein und setz dich. Heute wird gefeiert. Champagner, ein drei Gänge Menü und dann lieben wir uns."
"Schade, Liebling, ich kann nur kurz bleiben." Geschickt zieht er an dem langen Reißverschluss, der ihr Kleid zusammenhält.
"Nein, Rolf, heute will ich mit dir zusammen sein. Warum musst du so schnell wieder weg?"
Hilla stampft mit dem Fuß auf. Ihre Augen funkeln, rote Flecken breiten sich auf ihrem Dekolletee aus.
"Gabi geht es nicht gut. Ich muss mich um sie kümmern."
"Immer deine Frau. Wolltest du dich nicht von ihr trennen?"
"Setz dich, Liebling, wir müssen reden."
"Warum reden?"
Rolf zieht die erzürnte Hilla zum Sofa und setzt sich dicht neben sie.
"Ich muss dir jetzt etwas sagen. Es fällt mir nicht leicht."
"Du willst Gabi nicht verlassen? Du hast es versprochen."
"Ich wollte es dir schon länger sagen. Es wird dir nicht gefallen. Aber es ändert ja nichts zwischen uns."
"Du machst es aber spannend. Spuck‘s schon aus!"
"Gabi erwartet ein Kind."
"Nein!" entfährt es Hilla. "Du und Gabi, ihr habt ...?"
"Sei nicht kindisch. Ich bin ein verheirateter Mann, das wusstest du von Anfang an."
"Hast du nicht immer wieder gesagt, zwischen euch läuft schon lange nichts mehr?"
"Schuft!" Hillas Lippen sind fest zusammengepresst. Sie steht auf.
"Lass uns etwas essen, und trinken. Mach doch bitte die Flasche auf."
Hoch aufgerichtet stöckelt Hilla in die Küche. Sie streicht sich eine Strähne aus der Stirn, öffnet das Fenster und lehnt sich weit hinaus. Sie greift nach den Zweigen eines Gewächses, das draußen im Garten steht und löst eine Frucht. Dann schließt sie das Fenster wieder. Wenige Minuten später balanciert sie ein Tablett auf den Händen. Sie lächelt. Der Ärger scheint verflogen zu sein.
"Setz dich Liebling, ich bringe die Suppe."
"Lass uns anstoßen, Liebes. Auf uns und unsere Liebe!", sagt Rolf sichtlich erleichtert. Er hält die Kelche in der Hand und bewegt sich auf Hilla zu.
"Prost, Rolf, auf uns!" Die Gläser klingen, der Champagner prickelt auf der Zunge. Rolf haucht Hilla einen Kuss auf die Wange.
"Etwas Pfeffer?" Hilla dreht den Kopf der eleganten Pfeffermühle, schwarze Krümel fallen in Rolfs Suppentasse.
"Danke, Hilla, die Steinpilzsuppe ist dir wunderbar gelungen", freut sich der Mann und führt den Löffel immer schneller zum Mund. Dann hält er inne und hustet.
"Scharf, sehr scharf!" bemerkt er, räuspert sich und hustet wieder.
"Entschuldige, Liebling, ein Kratzen im Hals. Ich weiß gar nicht ..."
"Aber Lieber, die Suppe ist nicht scharf", wundert sich Hilla.
Der Hustenanfall wird stärker. Rolf hat sich erhoben, reißt das Fenster auf und atmet schwer.
"Tut mir leid", stößt er mühsam hervor, "ich gehe jetzt besser"
"Armer Liebling!" flüstert Hilla und verschränkt die Hände. "Wenn ich dir nur helfen könnte?"
"Gabi hat sicher ein Mittel dagegen", quält er sich zu sagen.
"Sicher, mein Liebling." Behutsam schließt sie die Türe hinter ihm.

Hilla hebt den Telefonhörer und wählt eine Nummer.
"Krause", meldet sich eine zarte Frauenstimme am anderen Ende.
"Hallo Gabi, ich bin‘s."
"Und?"
"Ja. Alles klar. Rizinus- Samenkörner, wie besprochen. In zwei Tagen ist er tot."
"Danke, Hilla. Ich liebe dich!"
Bis bald, Gabilein, ich liebe dich!"