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  10. Dezember 2006
Meine Geschichten
Sommergewitter
Seine Augen
Die knallgelbe Badehose
Brombeeren mit Schlagsahnea
Von Liebe reden wir später
Fünf rote Rosen
Rising soul
Herrmann
Endstation
Die Malerin
Das Glück der späten Jahre
Unterwegs zu dir

Eine Kindheit im zweiten Weltkrieg - Autobiographie
Herrmann

Schon von Weitem hörte ich Blasmusik. Eine dichte Menschenmenge schob sich an diesem sonnigen Sommertag durch die engen Gassen der Hamburger Altstadt hinunter zu den Landungsbrücken. Immer das Kopfsteinpflaster im Auge, das meinen Absätzen gefährlich werden konnte, folgte ich den lustigen Hüten, den farbenfrohen Taschen, den Rucksäcken und vor allem den Klängen der Musik, die immer lauter wurde.
Hinter der letzten Häuserreihe tauchte, festlich mit flatternden Wimpeln geschmückt, die "Wappen von Hamburg" auf. Eine Schulklasse versammelte sich vor den Musikern, die Trompeten glänzten in der Sonne, beschwingte Melodien begleiteten die Fahrgäste an Bord.

Es sollte meine erste Schiffsreise werden. Das Schiff, mit dem ich zur Insel Helgoland fahren wollte, war umwerfend groß und wunderbar. Neugierig schloss ich mich den vielen Beinen an, die behände über steile Treppen das Oberdeck erklommen. Ein kräftiger Windstoß brachte meine Haare in Schwung. Auf der Suche nach einem Sitzplatz, zog ich die Strickjacke fester um meine Schultern. Nahezu alle Plätze waren belegt. Schon wollte ich umkehren, da entdeckte ich einen freien Stuhl, auf dem ich mich schnell niederließ. Entspannt wanderten meine Augen über das glitzernde Wasser der Elbe. Dann sah ich die endlos langen Hosenbeine, direkt vor mir, an die Reling gelehnt, die in einer hellen Jacke und einer Schirmmütze endeten. Auf dem Stuhl, neben mir, lag eine Kamera. Offenbar gehörte sie diesem Mann, denn als er sich umdrehe hob er den Apparat auf und hielt ihn in der Hand fest. Sein fragender Blick streifte mich nur kurz.
"Ich hoffe, dieser Stuhl ist frei? ich habe mich einfach gesetzt", sagte ich.
"Ja klar, der ist frei." Er ließ sich nieder.
"Sie machen den Ausflug auch alleine?", fragte er.
Schnell verwickelte er mich in ein Gespräch. Der Fremde war höflich und nett. Bald erfuhr ich, dass er geschäftlich unterwegs war. Er kam aus dem Rheinland und hatte die Messe in Hamburg besucht.
"Ich hatte auch beruflich hier zu tun.", verriet ich ihm.
"Sie wohnen nicht in Hamburg?"
"Nein, ich komme aus München."
Er lachte. "Eine Bayerin, das ist ja nett!"

Er sah verflixt gut aus, außerdem schien er wesentlich älter als ich zu sein, ich schätzte ihn auf 40. Sein herzliches Lachen gefiel mir genauso gut, wie seine Art zu sprechen. Ob er verheiratet war? Gerade hatte ich eine Affäre beendet und war wieder Single. Dass die nettesten Männer in festen Händen waren, hatte ich leider viel zu oft erfahren müssen. Mit Ende 20 schien es Zeit für mich, eine Familie zu gründen. Jedenfalls dachten meine besorgten Eltern so.
"Ich muss auf meine Kamera aufpassen. Schon zwei Mal habe ich eine verloren", gestand er und fotografierte, quer durch die Menschen hindurch, das Schiff. Ich witterte meine Chance.
"Was sagt denn Ihre Frau dazu, wenn Sie immer alles verlieren?"
"Ich bin nicht verheiratet."
Bingo!

Von diesem Augenblick an pulsierte das Blut etwas schneller durch meine Adern. Auch war ich mir sicher, wäre es dunkel gewesen, man hätte die Funken gesehen, mit denen ich meinen Charme gnadenlos auf diesen armen Menschen verschoss. Die Sonne prallte vom wolkenlosen Himmel auf uns nieder, schon schaukelte das Schiff weit draußen auf See.
"Haben Sie Lust, die Insel mit mir gemeinsam zu erforschen?"
fragte er freundlich.
"Ja gerne!" antwortete ich mit meinem schönsten Lächeln.

Beim Ausbooten reichte er mir seine Hand. Sie fühlte sich angenehm kühl und fest an. Während wir auf der Insel spazieren gingen wurde mir bewusst, wie viel größer dieser Mann war, dem ich gerade bis zur Schulter reichte. Ihm schien es zu gefallen.
"Meine Mutter ist auch so klein," lachte er und schaute mir dabei direkt in die Augen.
Später bestellten wir Eisbecher vor einer Konditorei. Das gelb getupfte Tischtuch kämpfte mit dem Wind, während wir das Gefrorene auf der Zunge zergehen ließen. Wir saßen eng zusammen, lächelten erschrocken, wenn sich unbeabsichtigt unsere Knie berührten. Der Ton wurde lockerer, wir fragten nach unseren Vornamen. Er hieß Herrmann, doch wir blieben beim Sie. Ich bemerkte sein volles Haar und seine sinnlichen Lippen. Er hatte schöne gepflegte Hände, lange schlanke Finger. Er beeindruckte mich mit seinem Humor. Wir lachten oft.
"Darf ich Sie heute Abend an Bord zum Essen einladen?", fragte er.
"Ja gerne! Danke schön."

Vor der Rückfahrt bewegten wir uns treppauf treppab um den Felsen herum zu einer Gruppe kleiner, mit leuchtenden Farben angemalten und von der Seeluft verwitterten, Häuser. Wir beobachteten und bestaunten alles, doch gesehen hatte ich in Wirklichkeit nur den Mann neben mir, der es verstand, mein Blut so angenehm in Wallung zu bringen.

Er saß mir beim Abendessen gegenüber. Nachdem die erste Flasche Wein getrunken war, bestelle er die zweite. Mein Gesicht glühte von dem Roten, von der Sonne und vor Begeisterung. Wir redeten viel, doch hörten weder er noch ich jedem Satz bis zum Ende zu, vielmehr fielen wir uns immer häufiger ins Wort. Alles was wir sprachen schien zu zerfließen, hatte bald nur noch Klangwert. Wir rührten an verborgenen Gedanken, sahen uns in die Augen und redeten weiter. Schließlich stießen seine Fingerspitzen an meine. Ein Funke sprang über. Dann wurde mir plötzlich übel.

Während das Schiff seinen Weg durch die sternenklare Nacht fortsetzte, hing ich kreidebleich über der Reling und übergab mich pausenlos. Herrmann blieb standhaft in meiner Nähe. Später besorgte er einen Unterberg, der meinen nachlassenden Brechreiz erneut in Gang setzte.
Endlich erreichten wir Hamburg. Ich spürte festen Boden unter den Füßen, strich mir die Haare aus dem Gesicht und konnte wieder lächeln. Herrmann legte einen Arm um meine Schultern.
"Es war ein schöner Tag, Amelie. Wir müssen uns wiedersehen!"
In einer heißen Welle kehrte das Blut in meine Wangen zurück. Zum Abschied tauschten wir Visitenkarten, bevor ich in einem Taxi zu meinem Hotel fuhr.

Noch im selben Jahr hielt er um meine Hand an. Die Art und Weise, wie ich über der Reling hing, fand er faszinierend. Herrmann war ein begeisterter Seefahrer. Er hatte schon viele Frauen kotzen gesehen. Ich schaffte es am elegantesten. Das haute selbst ihn, den überzeugten Junggesellen um.