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  10. Dezember 2006
Meine Geschichten
Sommergewitter
Seine Augen
Die knallgelbe Badehose
Brombeeren mit Schlagsahnea
Von Liebe reden wir später
Fünf rote Rosen
Rising soul
Herrmann
Endstation
Die Malerin
Das Glück der späten Jahre
Unterwegs zu dir

Eine Kindheit im zweiten Weltkrieg - Autobiographie
Endstation

Er steht vor ihrem Bett und betrachtet sie lange. Eine Gesichtshälfte ist geschwollen, die Lippen aufgeplatzt und verquollen. Ein dünner roter Faden klebt auf ihrer Schläfe. Das Blut ist eingetrocknet, er zeichnet die Spur mit seinem ausgestreckten Zeigefinger nach.
Die Frau schlägt die Augen auf. "Heinrich?" Er hört die Angst in ihrer Stimme.
"Es tut mir so leid!" , sagt er und streichelt die roten Locken, die wirr über das Kopfkissen ausgebreitet liegen. Eva zuckt zusammen.
"Ich muss jetzt ins Büro, Baby. Du darfst mir das nicht übel nehmen. Hörst du?"
Tapfer schluckt Eva den Kloß, der sie würgt, hinunter, sagen kann sie nichts.
"Du hast mich gezwungen, dich zu bestrafen. Ist dir das bewusst?"
Eva nickt. "Ja, ja", flüstert sie und rutscht etwas weiter weg von der Hand, die sie berühren will. "Mach keine Dummheiten, hörst du?" "Nein, Heinrich, sicher nicht."
Mit weit aufgerissenen Augen beobachtet sie ihren Ehemann, wie er zur Tür geht und den Raum verlässt. Kurze Zeit später fällt die Haustür ins Schloss, der Fahrstuhl rumpelt, dann ist alles still.

Evas Gedanken überschlagen sich. Wieder hat er sie geschlagen, wieder die Kontrolle über sich verloren. Die Schläge wurden immer brutaler, immer öfter eskalierte eine kleine Meinungsverschiedenheit. Die Liebe zu dem Mann, den sie vor acht Jahren geheiratet hatte, war gestorben, warum auch immer, er hatte sich in ein Monster verwandelt.

Am Abend vorher hat es an der Tür geklingelt. Ein junger Mann stand vor ihr.
"Berger, Thomas Berger, ich bin ein Freund ihres Gatten, darf ich kurz stören?"
Für Sekunden verschlug es Eva den Atem. Der junge Mann sah verflixt gut aus, er
war äußerst schrill gekleidet. Mit seinen riesigen smaragdgrünen Augen schaute er sie an, reichte ihr die Hand und hielt sie fest. Dabei durchbohrte er sie mit seinem Blick, was sie aus der Fassung brachte. Amüsiert beobachtete er ihre Verwirrung und genoss die Wirkung, die er bei ihr ausgelöst hatte. Als Heinrich Sekunden später aus dem Wohnzimmer kam, standen sie noch immer zwischen der geöffneten Haustür und hielten sich ihre Hände fest. Eva erschrak, blitzschnell zog sie ihre Hand zurück und bat den Gast herein.
Kaum war Thomas Berger gegangen, spürte sie Heinrichs feste Hand in ihrem Nacken. "Glaubst du ich bin blöd?" Mit einer schnellen Bewegung schlug er ihr ins Gesicht, sie taumelte. " Mir gehörst du, nur mir!" Wieder schlug er auf sie ein, wieder und wieder.

In der Nacht lag sie lange wach. Der Augenblick ihrer Flucht war gekommen, nie wieder würde er sie schlagen, nie wieder.

Eva geht ins Badezimmer. Minutenlang hält sie ihr schmerzendes Gesicht unter den kalten Wasserstrahl, bindet dann die widerspenstigen Locken zu einem Pferdeschwanz zusammen und schlüpft in Jeans und einen warmen Pullover.

"Nie mehr, nie mehr, murmelt sie vor sich hin." Eva wirft einige Kleidungsstücke in einen Koffer, klemmt die Handtasche unter den Arm und verlässt die Wohnung.
Entschlossen trägt sie den Koffer die wenigen Stufen hinunter, öffnet die Haustür und tritt auf die Straße. Der kalte Novemberwind schlägt ihr entgegen. Ängstlich schaut sie in alle Richtungen, zieht den Mantelkragen hoch und beeilt sich, die vertraute Umgebung zu verlassen. An der Bushaltestelle stellt
Eva den Koffer ab. Ihr ist ein wenig schlecht, die Knie fühlen sich weich wie Pudding an. Was mache ich nur? Ob ich besser umkehren soll?, fragt sie sich. "Ohne mich bist du nichts!" Heinrichs Stimme dröhnt in ihren Ohren. "Glaub nicht, dass du mich verlassen kannst, Eva, ich finde dich überall!" Mit der Zunge fährt sie über die dick geschwollene Lippe, fühlt wieder den Schmerz und drückt die kleine braune Handtasche fester an ihre Brust, in der sich ein Pass, etwas Bargeld, ein Sparbuch und ein Schlüssel befinden. Vor Wochen schon hat sie in aller Heimlichkeit eine kleine möblierte Wohnung angemietet, immer auf eine günstige Gelegenheit gewartet und nie den Mut gefunden, zu gehen.

Der Bus kommt, Eva steigt ein. Nur wenig Fahrgäste sind so früh am Morgen unterwegs. Sie sucht sich einen Sitzplatz weit hinten, lässt sich erschöpft auf die Bank fallen und versucht ihre Gedanken zu ordnen.
An der Endhaltestelle steigt Eva aus. Den Koffer fest in der Hand zieht sie geräuschvoll die kalte Luft durch die Nase. Eva überquert die Straße. In einem Blumengeschäft kauft sie rote Weihnachtssterne in einem großen Topf, den sie sich unter den Arm klemmt. Nur wenige Meter noch, dann ist sie zu Hause.
Der Schlüssel dreht sich im Schloss und die Wohnungstür springt auf. Wie versteinert bleibt sie im Türrahmen stehen und starrt Heinrich an, der in ihrem Sessel sitzt und die Beine weit von sich streckt. Nie im Leben wird sie sein spöttisches Grinsen vergessen.
"Konnte mir denken, dass du heute kommst", sagt er höhnisch lachend. Dann steht er auf. Langsam zieht er den Gürtel aus den Schlaufen seiner Hose. Noch bevor sie der erste Schlag treffen kann, schleudert sie den Blumentopf mit voller Wucht gegen seine Beine. Den Schrei und das Gepolter hört sie im Treppenhaus, während sie davonrennt.