Startseite Geschichten Kontakt
  10. Dezember 2006
Meine Geschichten
Sommergewitter
Seine Augen
Die knallgelbe Badehose
Brombeeren mit Schlagsahnea
Von Liebe reden wir später
Fünf rote Rosen
Rising soul
Herrmann
Endstation
Die Malerin
Das Glück der späten Jahre
Unterwegs zu dir

Eine Kindheit im zweiten Weltkrieg - Autobiographie
Die Malerin

Ganz oben im Dorf, versteckt hinter Pinien und blühenden Oleander Büschen, liegt das Haus, aus dem eine junge Frau am frühen Morgen durch die blau lackierte Tür ins Freie tritt und den Weg zu der steilen Treppe einschlägt die hinunter zum Strand führt. Ihre blonden Haare sind zu einem kunstvollen Knoten geschlungen, das weiße Sommerkleid aus Baumwolle umspielt ihre Figur und der dünne Stoff zeichnet ihre Brüste ab. Den Strohhut hält sie in der einen, einen blauen Klappstuhl in der anderen Hand. In dem großen hellen Leinenbeutel, den sie um die Schulter trägt, verbirgt sich alles, was sie zum Malen benötigt.

Behände läuft sie die Stufen hinunter zum Marktplatz, durchquert die engen Gassen durch die der Wind bläst. In der Türöffnung der Bäckerei schwingt der Perlenvorhang noch dem letzten Kunden nach und der Duft von frischem Brot weht verführerisch zu ihr herüber.
Theresa läuft die letzten Meter schneller, je mehr sie sich dem Meer nähert, umso deutlicher hört sie das Rauschen der Wellen. In den Restaurants und Cafes, unten auf der Promenade, sitzen vereinzelt Touristen beim Frühstück in der Morgensonne. Ein feiner Kaffeeduft schwebt in der Luft. Nur noch wenige Schritte, dann betritt Theresa den weiten goldgelben Strand, der von Felsen halbkreisförmig umgeben ist. Schnell streift sie die Schuhe ab, um mit nackten Füßen durch den weichen Sand bis zum Wasser zu laufen. Die Wellen rollen, Reihen um Reihen, eine nach der anderen, mit kleinen Schaumkronen auf den Kämmen, ans Ufer. Der Wind verfängt sich im Saum ihres Kleides und spielt mit ihren Haaren. Verzückt von dem Schauspiel steht sie lange, bevor sie sich dicht am Meeresrand auf dem mitgebrachten Hocker niederlässt.
Um sie herum ist es still. So früh am Morgen gehört ihr der Strand alleine. Sie hält den Malblock auf den Knien und taucht den dicken Pinsel in die Wasserflasche, die neben ihr im Sand sicheren Halt gefunden hat. Den blauen, wolkenlosen Himmel betrachtet sie genauer, bevor sie mit dem nassen Pinsel verschiedene Blau und Violett -Töne ineinander laufen lässt, um dem Himmel die Helle und Luftigkeit zu verleihen, mit der sie den Zauber dieses Morgens einzufangen versucht.
Dort wo der Himmel aufhört beginnt auf ihrem Gemälde das Meer. Es spiegelt die Farben des Himmels wieder. Nahe dem Strand schimmert der Meeresboden jetzt grünlich durch die Wasseroberfläche, während sie den Wellen weiße Tupfer verleiht.
Theresa blickt zurück auf das Fischerdorf von dem sie gekommen ist. Hoch über dem roten Kreidefelsen türmen sich terrassenförmig die schlichten, weißgekalkten Häuser bis zum Himmel. Theresa bemüht sich, den architektonischen Reiz dieser Häuser darzustellen. Sie zeichnet klare Linien, Wände, die sich nicht im Lot befinden, sie malt abgerundete Ecken, Kuppeln, Bögen und Öffnungen, die auf jegliche Symmetrie verzichten. Sie wählt einen dünnen Pinsel um mit leicht verwaschenem Blau die Schatten zu setzen. Den Strand malt sie golden und mit bunten Farben ein paar Strandtücher in den Sand.
Zufrieden betrachtet sie ihr Werk. Bevor die ersten Touristen den Strand erobern verläßt Theresa geschwind die sonnige Bucht.
Auf dem Weg zurück pflückt sie einige Hibiskusblüten, steckt zwei in ihr Haar und läuft ins Haus.