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  10. Dezember 2006
Meine Geschichten
Sommergewitter
Seine Augen
Die knallgelbe Badehose
Brombeeren mit Schlagsahnea
Von Liebe reden wir später
Fünf rote Rosen
Rising soul
Herrmann
Endstation
Die Malerin
Das Glück der späten Jahre
Unterwegs zu dir

Eine Kindheit im zweiten Weltkrieg - Autobiographie
Das Glück der späten Jahre

Sie fielen mir sofort auf, als ich den Frühstücksraum betrat. Das morgendliche Sonnenlicht fiel auf ihren Tisch am Fenster. Ein bunter Blumenstrauß zwischen Tellern, Tassen, Brötchen, Butter und all den Leckereien, die es am Buffet zu holen gab, leuchtete in allen Farben des Sommers. Nein, sie waren kein gewöhnliches altes Ehepaar, das sich nichts zu sagen hatte und stumm nebeneinander beim Frühstück saß. Diese beiden Menschen umgab etwas Magisches. Wie soll ich es anders beschreiben, als eben unbeschreiblich.
Ich setzte mich an einen Tisch nicht weit von ihnen und widmete mich der ersten Mahlzeit des Tages.

Erst gestern, am späten Nachmittag, war ich in Ascona angekommen. Lange stand ich auf dem Balkon meines Hotelzimmers und genoss den Blick über den Lago Magiore, als die Sonne unterging. Das Schauspiel hatte mir den Atem verschlagen.

Während ich ein Hörnchen mit Butter bestrich, wanderten meine Blicke über die Tische des Frühstückraums und blieben an dem älteren Ehepaar hängen. Er war ein hochgewachsener Mann mit schlohweißen Haaren. Er trug eine weiße Hose und ein seidenes blaues Hemd. Die Frau neben ihm erschien mir lebhaft und fröhlich. Ihre Wangen waren leicht gerötet, die weißen Haare sehr apart geschnitten, ziemlich kurz und glatt. Ihre Augen hingen voll Bewunderung an seinem markanten Gesicht. Sie lächelte ihn an, als er die Kaffeekanne nahm und ihre Tasse füllte. Ihre Hände bewegten sich ständig aufeinander zu. Es war faszinierend, sie zu beobachten.

Später erkundete ich den hoteleigenen Garten direkt am See. Der Kies knirschte unter meinen Füßen, als ich zu den Bänken hinter den Büschen lief. Und da saßen die Beiden und schauten auf das Wasser. Sie saßen so eng nebeneinander, dass selbst ein seidenes Tuch nicht mehr dazwischen gepasst hätte. Ihre Hände waren verschlungen. Ich dachte wie schön und setzte mich eine Bank weiter in die Sonne.

"Herrlich, nicht wahr?"

Ich wurde aus meinen Träumen gerissen und als ich mich umsah, schaute ich direkt in das lachende Gesicht des netten älteren Herren.

"Ganz wundervoll, ich genieße es", beeilte ich mich zu antworten.

Schnell kamen wir ins Gespräch, ein Wort ergab das andere.
Und dann erzählten sie immer abwechselnd eine so nette Geschichte, dass ich noch lange darüber schmunzeln musste.

"Ich kam von einer Auslandsreise zurück, hatte meine Kinder in Australien besucht, als ich am Flughafen ein paar Zeitschriften kaufen wollte", begann der Herr.

"Es war im letzten Jahr, an einem nasskalten Novembertag. Es nieselte, das ist wichtig, August" , fiel sie ihm ins Wort.

"Ja, Anna, das ist wichtig. Also, ich stand am Kiosk und griff mir ein paar Zeitungen, da hörte ich aus der Telefonzelle neben mir eine aufgeregte Stimme."

"Aufgeregt? Ich war doch nicht aufgeregt!"

"Eine Stimme hörte ich." Er tätschelte ihren Arm und grinste.

"Sie müssen entschuldigen, wir streiten uns ständig." Augusts Augen blitzten vergnüglich.

"Aber ich bitte sie, das ist doch nicht gestritten." versuchte ich zu besänftigen.

"Erzähl bitte weiter, August. Sie müssen wissen, das war ein ganz besonderer Tag."

"Ja, Anna, ein ganz besonderer Tag. Ein Tag, der unser ganzes Leben verändert hat.
Wo waren wir stehen geblieben?"

"Bei dem Telefongespräch", half ich weiter.

"Bei meiner Stimme" Anna lachte. "Bei meiner aufgeregten".

"Also die Stimme war weiblich, gesehen habe ich die Frau erst einmal nicht.
Sie erzählte jemandem, sie stehe gerade in einer Telefonzelle am Strand. Palmen rings herum, Sonnenschein und tief blaues Meer. Gleich wolle sie Eis essen gehen und das Hotel sei wunderschön. So, oder so ähnlich, jedenfalls dachte ich mir meinen Teil und beobachtete die Telefonzelle weiter aus den Augenwinkeln."

"Ich sprach mit meinem Sohn, er sollte glauben ich sei angekommen", erklärte Anna.

"Langsam Anna, erst einmal kamst du aus der Zelle. Ich war perplex. Eine reizende ältere Dame lügt jemandem etwas vor, dachte ich, schüttelte den Kopf und wollte schon weiter gehen. Da sah ich ..."

"Ja, stimmt, ich fing zu heulen an. Es war ja auch zu traurig."

"Sie stand einfach da und weinte. Ich konnte das nicht mit ansehen und ging auf sie zu."

"Er war so nett", sagte Anna und kuschelte sich in Augusts Arm, den er um sie gelegt hatte.
"Meine Kinder hatten mir die Reise nach Griechenland geschenkt. Als ich am Flughafen ankam stellte ich fest, dass ich sämtliche Papiere zu Hause hatte liegen lassen. Ich bin in letzter Zeit so vergesslich. Schrecklich! Also fuhr ich mit dem Taxi zurück zu meiner Wohnung, steckte meinen Pass und das Flugticket ein und ließ mich noch einmal zum Flughafen bringen. Unterwegs geriet das Taxi in einen Unfall, ich wurde leicht verletzt und musste mich behandeln lassen."

"Du solltest wirklich Schmerzensgeld fordern, Anna", ermahnte August.

"Ja, ja, wegen der paar Schrammen mach ich keinen Aufstand."

"Nicht wegen der Schrammen, wegen entgangener Urlaubsfreuden!"

"Lass mich bitte weiter erzählen, August."

"Wir reden noch darüber. Später!"

Anna stieß einen Seufzer aus, dann fuhr sie fort. " Als ich nach Stunden zum Flugplatz zurückkam, um meine Koffer zu holen, beschloss ich meinen Kindern die Freude nicht zu verderben."

"Und hast ihnen was vorgeflunkert." Jetzt lachte August aus vollem Hals.

"Sie müssen verstehen, meine Kinder schenkten mir die Reise zu meinem fünfundsiebzigsten Geburtstag."

"Eine schönes Geschenk, wirklich! Und dann so ein Pech!", sagte ich voller Mitgefühl.

"Eigentlich ein Glücksfall", meinte August. " Wir haben gerade geheiratet und sind auf Hochzeitsreise."

Ja, so sah Glück aus, ich verstand, gratulierte von Herzen und zog mich zurück.